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Einfach glanzvoll!

„Marienvesper“ in St. Marien war großes Kino

Das Wort „glanzvoll“ in der Überschrift ist unbedingt zwiefach zu verwenden: Zunächst erstrahlt die sanierte St. Marien Kirche in Uelzen in einer Schönheit, die den Atem nimmt, lehnt man sich zurück und lässt den Blick ins Gewölbe schweifen.

Und dann standen am Wochenende rund 120 Sängerinnen und Sänger der St.-Marien-Kantorei Uelzen und des Hugo-Distler-Ensembles aus Lüneburg in dieser Kulisse. Dazu gesellten sich sieben Solisten und das Barockorchester „Ensemble_ Historisch 21“ mit Konzertmeisterin Galina Roreck.

Auf dem Programm die „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643).

190505 marienvesper totale foto kaiserMonteverdi gab das Werk, diese Sammlung geistlicher Partituren, drei Jahre nach seiner  Oper „L’Orfeo“ mit dem Libretto frei nach dem griechischen Mythos um Orpheus und Euridike heraus, mit der er die Oper überhaupt richtungsweisend formte.

Seine „Marienvesper“ widmete er als Teil einer in acht Stimmbüchern gedruckten Sammlung Papst Paul V. Vermutlich wollte sich der Komponist - auch aus finanziellen Gründen - um ein Kirchenamt bewerben.

Wie jede andere Vesper besteht die „Marienvesper“ aus einem Invitatorium (Einleitung des Stundengebets des liturgischen Tages), fünf Psalmen, einem Hymnus und einem Magnificat.  Traditionelle Kompositionstechniken verbinden sich mit hochmodernen Elementen der Zeit. Zwischen die Psalmen fügte Monteverdi noch vier Concerti im konzertanten Stil.

190505 marienvesper orchester foto kaiserBedenkt man, dass Monteverdi das alles ziemlich genau 100 Jahre vor Bach schrieb, verblüfft die Musik angesichts ihrer zeitlosen Modernität ungeheuer. Das Werk ist in Form und Besetzung so abwechslungsreich angelegt und so farbenfroh und ausdrucksstark ausgeführt, dass es die Zuhörer ergreift. Natürlich setzt das bei allen Akteuren ein Maß an Können und Vertrautheit voraus, wie andere Kompositionen der Zeit nicht.

Und genau hier darf man sich des zweite „glanzvoll“ der Überschrift bedienen: Was die Sänger und Instrumentalisten (ausnahmslos alle!) hier zu leisten vermochten, das war beeindruckend, tief berührend und begeisternd. Vom ersten bis zum letzten Ton herrschten in dieser Aufführung Stimmkultur und Stilsicherheit. Die zwei Chöre stellten sich den mehrstimmigen Parts jederzeit voll präsent und makellos, zeigten auch nach 100 Minuten im allerletzten Tutti keinerlei Schwäche.

190505 marienvesper solisten foto kaiserDie Solisten: Bettina Pahn und Franziska Bobe sangen das Sopranfach voller Leichtigkeit und Eleganz, wobei Bobe ganz besonders in der Lage war, das Orchester zauberhaft zu überstrahlen. Henning Voss sprang kurzfristig für die erkrankte Altistin Michelle Neupert als Altus ein und stand sicher grundiert und mühelos. In Andreas Posts und Michael Connaires  Tenören und Sebastian Bluths und Henryk Böhms Baritonen flackerte nichts, nichts war kurzatmig oder schrillte. Dafür hörte man Innigkeit, Energie und Schönheit.

Der Originaldruck sah zwei Möglichkeiten zur Aufführung der Vesper vor: mit Instrumenten oder nur mit einem begleitenden Generalbass. Erik Matz, der die Gesamtleitung hatte, entschied sich fürs Orchester und es war ein Hörgenuss mit den historischen Instrumenten wie Zink (Blechbläser) und Theorbe (Laute).

Die „Marienvesper“ ist ein vielfältiges Werk, in dem Melodie, Polyphonie, Rhythmik und der spezifische Einsatz von Instrumentalem zu effektvollen und spannungsvollen Passagen kombiniert werden. Die Vokalbesetzung reicht von Sechs- bis hin zur doppelchörigen Zehnstimmigkeit.

190505 marienvesper hugo distler ensemble foto kaiserKantor Erik Matz hatte sich wieder viel und vor allem Anspruchsvolles vorgenommen, aber der aufbrandende Applaus am Ende sollte ihm bestätigt haben, wie sehr sich Aufwand und Mühe lohnten. Er selbst wusste die über die ganze Breite des Mittelschiffs aufgestellten zwei Chöre, die sich in Bestform zeigten, zusammenzuhalten. Solisten und Orchester besaßen Format und eine große Ausstrahlung.

Man musste die Texte im wieder inhaltlich ansprechend gestalteten Programmheft nicht mitlesen, das lenkte nur von der musikalischen Schönheit und Kreativität ab. Zudem waren die, ohne hier blasphemisch werden zu wollen, die übliche Lobpreisung und die sozialen Gerechtigkeitsversprechen („Herrscher hat Er vom Thron gestürzt, Niedrige aber erhoben…“). Oder die klanggewaltige Versicherung: „Baut der Herr nicht das Haus, mühn sich umsonst, die daran bauen!“

Summe: Mit einer Zartheit, die unantastbar war, mit eisernen Stimmbändern und wohllautendem, beseeltem Timbre, mit stimmlicher Noblesse und höchst glaubwürdig – das war die „Marienvesper“ in der Aufführung unter Erik Matz. Ein lautes Bravo!

(Barbara Kaiser)


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